Sport ist nicht gleich Sport. Gerade nicht bei Depressionen.
Du willst nicht gleich aufgeben:
Du willst kämpfen?
So erging es auch mir, als mein zweiter Sohn gerade mal drei Monate alt war und ich in einer schweren Depression feststeckte.
Mitten im Winter bei 5 Grad Minus raffte ich mich Tag für Tag mit meinem Baby zum Dauerlauf auf:
gegen den eisigen Wind,
gegen das Gewicht des Baby-Joggers vor mir,
gegen meinen kräftemäßig ausgezehrten, voll stillenden Körper
gegen meinen schwer depressiven, lahmen Geist.
Und wenn ich die dreißig Minuten dann endlich geschafft hatte, dann erwartete mich auf dem Rückweg noch eine hübsche Steigung von 300 m.
„Warum hast du dir das Ganze damals eigentlich angetan?“
fragte mich später eine Freundin, als ich ihr davon erzählte.
Weil mir immer wieder gepredigt worden war, wie wichtig und wirksam der Sport bei Depressionen doch sei:
von den besten Ratgebern,
von klugen Ärzten,
von gutmeinenden Freunden oder
von meinem sportbegeisterten Vater.
Den Schweinehund erfolgreich besiegen –
Aber um welchen Preis?
Lohnt sich solch ein Kampf überhaupt?
Du hast richtig geraten, denn getan hat sich bei mir
N i c h t s !
Wozu also einen Kampf gegen eine Übermacht aufnehmen?
Wenn sich Fitnessstudio, tägliches Joggen wie Schwerstarbeit anfühlen, dann habe den Mut, dir dies einzugestehen!
Es lohnt sich! Denn am Ende deines Weges wartet eine Belohnung auf dich!
Lass‘ dich also auf diesen Text ein, bleibe dran, denke nach, stelle dir deine Fragen und richte dich neu aus!
- LERNE ES, MIT DEINEM ZUSTAND FRIEDEN ZU SCHLIESSEN!
Quäle dich also nicht mit sportlichen Aktivitäten!
Vertraue erstmal deinen Bedürfnissen nach Ruhe.
- Ist es denn liebevoll dir selbst gegenüber, dir etwas abzuverlangen, was deine Kräfte völlig überfordert und dein System noch zusätzlich schwächt?
- Was für eine Botschaft sendest du an dich selbst, wenn du deine innere Stimme und deinen Widerstand permanent übergehst?
Wenn du ständig gegen deine inneren Bedürfnisse kämpfst, ist dies doch genau das Gegenteil von Selbstakzeptanz.
Die Gefahr ist groß, dass du eher Frust und Selbstablehnung erlebst. So jedenfalls erging es mir:
Schuldgefühle tummelten sich nach meinen wochenlangen sportlichen Selbstkasteiungen wie wild in mir, begeistert über das gefundene Fressen:
„Oh Gott, was ist denn nur falsch an mir? – Warum schaff‘ nur ich es nicht, egal was ich tue? …. Ich wusste ja, da stimmt vieles nicht mit mir und jetzt auch noch das? Ich ticke völlig daneben, entgegen allen wissenschaftlichen Studien wirkt nichts bei mir – mir ist einfach nicht zu helfen! Ich bin falsch.“
So behandelst du dich nicht besser als ein mittelalterlicher Mönch, der sich Tag für Tag selber geißelt für seine menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten.
Bist du denn ein Schwerverbrecher in einem Straflager?
Deine wichtigste Aufgabe während einer Depression ist es doch nicht, dich zu foltern, sondern Dich mehr und mehr anzunehmen, dich in dem zu lieben, was gerade nun einmal so ist und was du nicht ändern kannst.
Wenn du wirklich einmal schwere Depressionen durchgemacht hast, dann weißt du genau, wovon ich spreche:
Dann kann sich das morgendliche Aufstehen und Anziehen an sich schon anfühlen wie ein halber Marathon.
Wenn du ihn überhaupt läufst.
Und wenn du einmal geschafft haben solltest, dich aufzuraffen:
Dann läufst du nicht auf befestigten, gebahnten Wegen durch deinen Lebensalltag, sondern du arbeitest dich durch tiefsten Treibsand hindurch.
Akzeptiere also deine eigene Wahrheit:
Momentan kannst du an deinen Grenzen nicht rütteln – du kannst sie nur erkennen und annehmen.
Und dieser erste Schritt ist schon schwer genug!
Lass‘ dir Zeit.
Würdige es, wenn du Momente hast, in denen du dich so sein lassen kannst, wie du einfach gerade bist!
Möchtest du auf deine ureigene Stimme hören oder auf die der Ratgeber?
Erst, wenn du gelernt hast, dich erst einmal im Zustand von Schwäche anzunehmen, dann erst kannst du den nächsten Schritt tun:
- LASS‘ DICH NIE GANZ HÄNGEN!
Du bist nun also K.O. geschlagen, hast die Wahrheit über dich geschluckt –
– aber Achtung!
Das heißt jetzt nicht, dass du deinem dunkel-düsteren Schweinehund von nun an das Zepter überlassen solltest!
Dann wäre ER der Sieger und würde dich dann vielleicht keinen Zentimeter mehr aus seinen Klauen lassen.
Das willst du natürlich nicht.
Du möchtest doch dieser luftabschnürenden Umarmung Schritt für Schritt entkommen, oder?
Du möchtest zum Beispiel keine schmerzenden Druckgeschwüre durch Wundliegen, weil du es tagelang nicht mehr aus deinem Bett herausschaffst…
Aus meinen eigenen schmerzlichen Erfahrungen heraus kann ich dir daher zurufen:
- FANG‘ MIT KLEINEN SCHRITTEN AN!
Aber welche Aktivität ist mir in meinem Sumpf aus Entscheidungsunfähigkeit, Schwere und Antriebslosigkeit überhaupt noch möglich? fragst du dich vielleicht…
Egal, wie langsam du dich bewegst, wie zaghaft oder winzig deine ersten Schritte sind:
Hauptsache, du verbringst deinen Tag nicht durchgängig sitzend oder liegend!
Es geht um deine äußere Haltung, die du auch bei grundtiefer Schwäche noch aufrechterhalten darfst.
Denn mit deiner äußeren Haltung beeinflusst du auch deine innere!
Beispiele:
- Vielleicht hast du einen Balkon, auf den du dich unter den freien Himmel setzen kannst?
- Vielleicht gibt es auch ein Fenster, an dem die Sonnenstrahlen in dein Zimmer reinscheinen? Dann schiebe dir einen Stuhl dorthin!
- Schaffst du es vielleicht sogar in dein Lieblings-Café oder auf eine Bank im Park?
- Wenn du dich in einen Wald setzt, z.B. an einen Baum, dann bist du mitten in einer Intensivheilungsstation – nur unter freiem Himmel und mit Blick in die Kronen der Bäume…
Egal, wozu du dich aufraffen kannst mit deinen bleischweren Beinen…:
Überwinde die höchste aller Hürden: dein Bett.
Such‘ dir ein Plätzchen, welches dir zumindest theoretisch guttun könnte und dann mache es dir an dieser Stelle so gemütlich, wie es geht.
Noch hast du also nicht aufgegeben.
Glückwunsch, du Kämpfer/in!
- EINE WINZIGE BEWEGUNG IST UM LÄNGEN BESSER ALS STILLSTAND
Das heilige Maß aller Dinge…
Vielleicht konntest du nun erfahren, dass du dir erträgliche und vielleicht sogar angenehme Momente schaffen konntest, als du mit dem Gesicht in der Sonne gesessen, die frische Luft eingeatmet oder das Rascheln der Blätter im Wald beobachtet hast.
Jetzt erst kommt der nächste Schritt und wir dürfen gerne wieder die Erkenntnisse der Ärzte mit einbeziehen, die sportliche Betätigung als ein Super-Antidepressivum preisen.
Als eine Art Wunderwaffe gegen Depressionen.
Dass regelmäßige Bewegung ein tolles Präventivum ist, bleibt unumstritten.
Sobald du spürst, dass du nicht mehr in der Umklammerung einer schweren Depression hängst, darfst du den Sport als wirkliche Chance für dich betrachten.
Denn bei leichten bis mittelschweren Depressionen können Menschen immer wieder positive Wirkungen von Bewegung spüren:
Das verwundert nicht:
Körper, Geist und Gefühle bilden eine Einheit mannigfaltiger Wechselwirkungen.
Bewegungs-Stillstand bedeutet daher das Ende von Entwicklung und Veränderung.
Stillstand bedeutet: Deine Chancen auf positive Veränderung gehen gegen Null.
„Menschen erfahren die Quelle ihrer Kraft eher im Wandern als im Sitzen. Dann kommen sie mit ihrer Energie und ihrer inneren Quelle in Berührung“ (Anselm Grün, christlicher Autor)
Unser Körper ist mit Geist und Seele zutiefst verbunden. Darum schenke dir immer wieder liebevoll auf deinen Körper abgestimmte Bewegung.
Dann kommt auch deine Seele wieder in den Fluss.
Spüre dafür genau in deinen Körper hinein:
„Welche Bewegung könnte mir und meinem Körper guttun?“
Für einen Goldgräber wäre es einiges wert, wenn er zugeflüstert bekäme, an welcher Stelle er NICHT zu suchen bräuchte.
Für dich ist vor allem wichtig, dass du nicht vornehmlich die „wissenschaftlich erwiesenen“ Rezepte der Professoren und Psychiater befolgst.
Achte auf dich selbst, nimm‘ dich ganz an in deinem depressiven So-Sein.
Vielleicht propagieren Wissenschaftler den Laufsport als effizienter als das Wandern.
Aber entspricht dies auch deiner persönlichen Wahrheit?
Du allein zählst.
Du allein bist dein wahrer Experte!
Beginne daher, auf deine wahren, ureigenen Bedürfnisse zu hören!
Fange an, für deine natürlichen Grenzen einzutreten – erst vor dir selbst, dann vor anderen!
Höre ganz allein auf
DICH
selbst!
- Vielleicht fängst du ganz einfach mit einer einzigen Dehnungs- oder Yogaübung auf dem Boden an?
- Oder du gehst im Wald spazieren, ganz langsam, Schritt für Schritt, in deinem dir gerade angemessenen Tempo?
- Vielleicht bringen dich auch Wechselduschen morgens in eine ganz neue Bahn?
- Oder du entscheidest, dass dir 20 min. Joggen genügen?
- LASS DAS FEUER NIE AUSGEHEN – BLEIBE DRAN!
Du weißt, der schwarze Schweinehund bleibt weiter sehr aktiv und gibt nie auf.
Jeder von uns weiß das.
Er ist sehr erfinderisch und kreativ, wenn es um verführerische Ablenkungsmanöver und hochintelligente Ausreden geht.
Lass‘ dich darauf NIE ein!
Sobald du kleine körperliche Betätigungen gefunden hast, mit denen du dich einigermaßen anfreunden kannst, dann
- Versuche, diese zu deinem ganz persönlichen, täglichen Ritual zu machen.
- Reserviere dir dafür ein festes Zeitfenster!
- Schaffe dir damit einen Baustein in deinem persönlichen Genesungsprogramm.
- Frage in deiner Familie oder im Freundeskreis nach, ob jemand bei deinem Ritual, wie z.B. einem Spaziergang, regelmäßig mit dabei sein will – das stärkt und du kannst nicht so leicht fliehen und absagen
- Entscheide dich dafür, der Stimme im Kopf, die dagegen arbeitet, grundsätzlich kein Gehör mehr zu schenken!
Vielleicht kommen dir noch andere Ideen, die dir helfen, dran zu bleiben?
Nur zu!
Als Belohnung steht am Ende deines Weges nicht nur die positive Rückmeldung deines dankbaren Körpers und deiner Psyche, sondern auch ein Entwicklungsschritt, zu dem ich dir herzlich gratulieren möchte:
Ganz konkret und nebenbei hast du gelernt, die stärksten Antidepressiva in dein Leben fließen zu lassen:
Achtsamkeit und Selbstliebe.
Herzlichen Glückwunsch!
Jede Depression hat ein anderes Gesicht bzw. andere Wurzeln und ich musste meine Wurzeln erkennen lernen und annehmen, erst dann konnte ich Schritt für Schritt verändern; dabei ist das Loslassen von schwierigen Situationen ein sehr wichtiger Part, auch in der Familie, hier ist ein großes Lernfeld. Je mehr wir in die Selbstachtung und Selbstliebe gehen (hast Du ja auch erwähnt), können wir auch unsere Grenzen setzen.
Die Erde ist einfach ein Lernplanet. Bei schwierigen Situationen frage ich mich heute, was habe ich hier zu lernen, was spiegelt mir gerade mein Außen? Wir leben einfach in der Polarität und wenn ein Pol überwiegt, steht ein anderer Pol auf.
Zum Thema Sport habe ich eine 3-Minuten-Übung, die eine ähnliche Wirkung haben soll wie 1 Stunde Cardio Training.
Diese Übung wurde von einem Neurowissenschaftler zusammengestellt und hat einen erstaunlichen Nutzen: Es erhöht die Neurogenese im Gehirn, reduziert Plaque und beugt sowohl bei Parkinson als auch Alzheimers, sowie bei jedem kognitiven Verlust, vor. Sie erhöht auch die Qualität und Quantität der Mitochondrien, was zu deutlich mehr Energie führt.
Auch Atemübungen sind sehr wertvoll.
Falls Du zu o.g. Info’s möchtest, dann melde Dich einfach.
Du hast sehr klar die Schritte definiert. In meinem Alter kommen einfach die Kriegstraumatas dazu, man spricht davon, dass 3 Generationen damit belastet sind.
Von einer Heilpraktikerin habe ich letzte Woche gehört, dass alle Menschen ca. 100 Traumatas in einem Leben überwinden müssen.
Herzlichen Dank, liebe Albertine, für deinen so ausführlichen Kommentar dazu. Sport ist ja nur ein Aspekt bei der Depressionsbekämpfung. Es wäre natürlich ganz toll, wenn du uns hier diese Übung verraten könntest, von der du so Verheißungsvolles schreibst. Das wäre hier super und wir können es dann auch gerne mündlich noch in die Gruppe tragen! Ganz herzlichen Dank für deine wertvollen Hinweise! Fiene